Wenn Matthias von lightmotiv live am mixen ist, dann bekommt man keine Musik zu hören, sondern sieht bunte Bilder aus Flüssigkeiten, welche den Raum in wabernde Farben tauchen.
(05/2002)
Franzi: Erzähle von deinem Deko-Konzept...
Matthias: Mein Deko-Konzept beruht auf Projektionen. Ich habe den Anspruch, Licht-
räume zu schaffen, die mehr sind als die Summe ihrer Teile. Es soll eine Aura entstehen. Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht ein selbstent-
wickelter Projektor, mit dem ich eine spezielle Art von Bildern erzeuge, die ich „lightmotiv“ nenne. lightmotiv ist im Grunde die vergrößerte Abbildung von bunten Flüssigkeitslösungen, die in einer Petrischale zusammengemischt werden. Die Inhaltsstoffe finde ich in meiner Umgebung, meist sind das Produkte aus dem Haushalt, also Farbpigmente, Speiseöl, Reinigungsmittel, etc.
Die Liste wird immer länger... Das besondere an dieser Art von Bildern ist, daß man nie 100 %ig vorhersehen kann, wie sie aussehen werden, weil am Ende die Naturgesetze darüber bestimmen, wie sich die Strukturen anordnen. Für die Bilder bedeutet das, daß sich die Ordnung der Strukturen nie genau wiederholt und deshalb ist jeder Moment, jedes Bild einzigartig.
Franzi: Man kann also sehen, wie sich die Substanzen miteinander verbinden und was es für chemische Reaktionen gibt?
Matthias: Ja und Nein. Sehen kann man unterschiedliche chemische, physikalische und auch biologische Reaktionen, die als unterschiedliche Farbverläufe und dynamische Formen als bis zu 20 Meter große Projektion abgebildet werden. Aber man kann eben noch mehr „sehen“ bzw. erkennen, als das eben Beschriebene. Das Bewußtsein ist gewohnt, eine Botschaft zu entschlüsseln, d.h. es versucht, möglichst genau das wiederzufinden, was es schon einmal wahrgenommen hat. Da sich die Strukturen der Flüssigkeitslösungen aber nie wiederholen, ist das Bewußtsein genötigt, neue Assoziationen zu bilden. Es gibt keine Botschaft, die entschlüsselt werden könnte. Das, was man darin erkennt, sind die eigenen Gedanken.
Franzi: Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Matthias: Die Idee mit dem Projektor hat sich erst nach und nach entwickelt. Ich war schon immer fasziniert von Licht, Farben und Natur und gebastelt hab ich auch gerne. Vor etwa vier Jahren hat sich das dann zusammengefügt: ich habe ein Schüsselchen mit Salatsauce genommen, es auf einen umgedrehten Plastikblumentopf ohne Boden gestellt, unten in den Topf eine Glühbirne rein und das, was ich oben an der Zimmerdecke gesehen habe, hat mich bis heute nicht mehr losgelassen. Das war definitiv mehr als Salatsauce...
Franzi: Gibt es denn etwas, was du versuchst, damit auszudrücken oder zu bewirken?
Matthias: Die Message würde ich mit „faszinierende Wirklichkeit“ beschreiben. Ich bin selbst oft stundenlang einfach nur hingerissen von den Prozessen und Strukturen, die die Naturgesetze hervorbringen. Die Augen sind das Organ, mit dem wir am meisten Information aufnehmen können, die Wichtigkeit visueller Eindrücke kann gar nicht überschätzt werden.
Und mit den Bildern, die mir jeden Tag tausendfach in unserer schönen bunten Warenwelt begegnen, kann ich beim besten Willen nichts anfangen. Sie wirken auf mich, als wären sie für Maschinen gemacht. Da brauch ich Ausgleich. Ich möchte nach innen schauen, mir durch Bilder, die sich immer neu erschaffen, einen Raum geben für meine Phantasie. Für mich ist lightmotiv eine sprudelnde Quelle der Inspiration und der positiven Gedanken.
Franzi: Was inspiriert dich?
Matthias: Die Schnittstelle zwischen Chaos und Ordnung.
Wenn ein Eindruck zu geordnet ist, dann empfinde ich ihn als langweilig, wenn er zu durcheinander ist, dann empfinde ich ihn als unübersichtlich. Dazwischen gibt es einen Punkt, der mich kickt, egal ob das jetzt in der Musik ist oder in Bildern oder sonstwo. Inspiration kann ich aber nur dann erfahren, wenn die Umgebung das zuläßt und ich mich entspannen kann. Dann bin ich offen für die Eindrücke, die meine Umgebung zu bieten hat. Das gelingt mir am besten, wenn ich draußen in der Natur oder auf Parties bin. Dort können sich meine Augen stundenlang mit Wäldern, Bergen, Wasser aber durchaus auch mit Eindrücken von einer Party beschäftigen. Dabei erkennne ich Strukturen, Zusammenhänge zwischen den Dingen, Muster die sich wiederholen, aber doch immer ein bißchen anders.
Es gibt einfach unendlich viele visuelle Eindrücke, kein Moment ist wiederholbar. Man muß sich nur darauf einlassen.
Franzi: Tust du das auch live? Wenn du bei einer Veranstaltung auftrittst, läßt du dich auf die Stimmung ein und davon spontan in deiner Arbeit inspirieren?
Matthias: Auf jeden Fall. Das schöne an dem Projektor ist ja, dass man sich nicht nur die Substanzen aussuchen kann, die hineinkommen, sondern daß man auch die Bewegungen beeinflussen kann. So kann ich die Geschwindigkeit und die Richtung der Bewegungen steuern und das mache ich natürlich im Einklang mit der Musik. Bei der Farb- und Substanzwahl lasse ich mich ebenfalls von der Partyatmosphäre beeinflussen. Aber es ist im Moment nun mal so, daß die Musik den Rhythmus der Party vorgibt und die Visuals sich mehr oder weniger an diesem Rhythmus orientieren müssen. Von daher fände ich es klasse, wenn es mal ein bißchen mehr Interaktion mit den DJ‘s gäbe. Bei klassischen Videoprojektionen ist das ja nicht so ein Thema, weil die Sachen, die abgespielt werden, meist ohnehin nicht beeinflussbar sind. Aber bei diesem Projektor gibt es halt die Möglichkeit, unmittelbar auf das einzuwirken, was gerade passiert und das könnte man noch besser ausnutzen, wenn es eine Interaktion mit den DJ‘s gäbe. Naja - kommt Zeit kommt Tat...
Franzi: Welchen Zusammenhang siehst du zwischen deiner Kunst und der Musik?
Matthias: Ich sehe eine Menge Ähnlichkeiten. Musik strömt in eine Richtung - die Flüssigkeit auch. Die Flüssigkeiten werden zusammengemixt, die Musik ebenfalls. Bei beiden ändert sich die „Farbe“, die Geschwindigkeit, die Komplexität, und beide beeinflussen darüber die Raumatmosphäre. Für mich sind Musik und Visuals auf einer Party untrennbar miteinander verbunden, so wie Hören und Sehen für unsere Wahrnehmung miteinander verbunden sind. Im Grunde geht es doch um dieselben Prinzipien, nur eben für unterschiedliche Sinne. Interessant ist für mich dann eher die Frage nach den Schnittstellen, weil nur wenn die vorhanden sind und ein echter Austausch zwischen Optik und Akustik stattfindet, die Party zu einem ästhetischen, ganzheitlichen Erlebnis wird. Der Projektor hat schon einige Möglichkeiten, da man ja zu jeder Zeit direkt auf das Geschehen einwirken kann, aber ich sehe da auch noch ein großes Entwicklungspotential. Ich träume von einem „Klang/Licht - Universum“, in dem sich das Hörbare und das Sichtbare ständig umkreisen, sich wechselseitig beeinflussen und die Sinne dadurch immer weiter getragen werden, oder, um das mal in Partydeutsch auszudrücken, von einem einzigen, ewig anhaltenden Megaflash.
Franzi: Kannst du eigentlich von dieser Arbeit leben?
Matthias: Komplizierte Frage. Auf jeden Fall verdiene ich damit im Moment leider nicht genug Geld, um ein sicheres monatliches Einkommen zu haben. Ich möchte das aber dringend ändern, weil man auch irgendwie sehen muss, wo man bleibt. Außerdem hat man mit Geld viel mehr Möglichkeiten, seine Ideen umzusetzen und das würd‘ ich schon ganz gerne machen. Aber wenn man diese Frage mehr so auf Inhalt bezogen versteht, dann kann ich davon sehr gut leben, weil es ein gutes Gefühl ist, für eine Sache zu arbeiten, die einem sinnvoll erscheint.
Franzi: Worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist das kleine `R` hinter dem Namen lightmotiv... Du hast aus deiner Idee ein kleines Unternehmen gegründet. Erzähl doch mal, wie es dazu gekommen ist, und wie das so läuft.
Matthias: Aus dem anfänglichen „Wow ist das geil - andere sollen das auch sehen“ sind sehr bald konkrete Gedanken geworden, wie ich die Idee von lightmotiv am besten verbreiten kann. Und da ich keine Lust hatte, mir die Idee klauen zu lassen, habe ich die Erfindung des Projektors patentieren lassen. Da stand ich also vor der Entscheidung, ob ich das jetzt weiter so „kunsthandwerklich“ betreibe, also an Blumentöpfen basteln, oder ob ich den Gedanken konsequent durchziehe, mit Firma und allem drum und dran. Die Entscheidung war für mich sehr schnell klar: wenn ich die Idee von lightmotiv ohne Abstriche verbreiten will, muß ich auch die organisatorische Infrastruktur aufbauen, sprich ein Unternehmen gründen. Also habe ich mich vor knapp eineinhalb Jahren mit ein paar Artgenossen zusammen auf diese Herausforderung eingelassen. Und gemeinsam ziehen wir das jetzt durch. Am Anfang haben wir sehr viel Zeit mit Diskussionen und „vor der Projektion“ verbracht und dann haben wir uns Schritt für Schritt in konkrete Aktivitäten gestürzt: Räume renovieren, Konzepte schreiben, Banken überzeugen und Projektoren bauen. Das ist so der Punkt an dem wir jetzt sind. Aber natürlich sind wir nicht als Meister vom Unternehmerhimmel gefallen, sondern müssen uns jeden Tag mit der sogenannten „marktwirtschaftlichen Realität“ auseinandersetzen. Und es ist ein hartes Geschäft, mit einem Produkt, was es so noch nicht gibt und was man auch nicht mal eben einfach so erklären kann, innerhalb dieser Realität seinen Platz zu finden... Auf jeden Fall ist das ganze für mich eine lehrreiche Erfahrung, die ich nicht missen möchte und ich möchte mich an dieser Stelle mal bei allen Leuten bedanken, die durch Ihr Engagement die Idee von lightmotiv weitergebracht haben.
Franzi: Wie reagieren denn Menschen außerhalb der Szene auf so eine Art von Bildern?
Matthias: Die Bilder finden eigentlich die meisten schön. Aber da die meisten Menschen einfach einem bestimmten Muster folgen wenn sie ein Bild sehen, nämlich ist es schön oder nicht schön und dann weitergehen, ist das erstmal keine aufschlussreiche Reaktion. Ich glaube, die Reaktion hat einfach damit zu tun, daß diese abstrakten, organischen Formen aus der Natur für das ästhetische Empfinden sehr vertraut sind. Wirklich dafür interessieren tun sich vor allem Leute aus den Bereichen Chaosforschung und Entspannungspsychologie. Und den unmittelbaren Wunsch, sich da stundenlang davorzuhängen und kollektiv rumzuflashen gibt es eher selten außerhalb der Szene.
Franzi: Was sind das für Veranstaltungen, auf denen du spielst?
Matthias: Die Veranstaltungen sind von der Art her sehr unterschiedlich. Das geht dann so von Firmenfeiern, Messen und Ausstellungen über VJ-Treffen und Geburtstagen von Freunden bis hin zu selbstorganisierten Events und natürlich Trance-Partys. Aber natürlich macht nicht alles gleich viel Spass... Richtig super fände ich mal eine Session in einem Kino zu machen, mit einem Musiker und einfach eine Stunde lang nur Bilder und Töne wirken zu lassen.
Franzi: Gibt es bei eurer Firma auch eine Zusammenarbeit mit anderen Visual-Artists, so im Sinne von Netztwerkcharakter?
Matthias: Ja, auf jeden Fall. Wir begreifen uns als Knotenpunkt in einem Netzwerk von Visual-Artists. Gemeinsam ist man einfach stärker als allein. Und gerade so Produkte wie selbsterzeugte Poster und DVD‘s lassen sich über eine zentrale Plattform viel besser vermarkten als über eine Einzelperson. Unsere Firma heißt theNightLab, kurz tnl, und dieser Name ist Programm. Ein nachtaktives Labor, in dem wir herumexperimentieren um alternativen Content zu erzeugen, den wir „Psychonautenfutter“ nennen. Das Netzwerk besteht aus Lichtdesignern, VJ‘s, Fotografen, Videoleuten, Grafikern aber natürlich auch aus Leuten, die im Bereich Projektionstechnik und Produktionsverfahren für Content fit sind. Hauptsächlich arbeiten wir mit Leuten zusammen, die sich ebenfalls auf Projektionen spezialisiert haben und denen wir auch technikmäßig zur Seite stehen, Tina Zimmermann ist da ein gutes Beispiel. Sie macht völlig unabhängig Ihre Sachen und wenn sie mal kurzfristig Technik braucht ruft sie halt bei uns an und wir organisieren ihr den Beamer den sie braucht. Ebenso helfen wir uns gegenseitig beim Vertrieb oder auch bei Eventaufträgen. Visual Artists, die sich von diesem Konzept angesprochen fühlen, sind übrigens herzlich eingeladen, sich mal bei uns zu melden...
Franzi: Gibt es da auch gemeinsame Projekte?
Matthias: Gerade mit Tina gibt es schon das ein oder andere Projekt. Wenn alles klappt, werden wir diesen Sommer gemeinsam mit Oliver (der letztes Jahr auf der Voov die „Waldkringel“ gemacht hat) auf einigen größeren Outdoor-Parties mitgestalten, auf jeden Fall schon mal auf der Wonderland im Waldfrieden. Außerdem arbeiten wir an einer gemeinsamen DVD-Reihe und an einer Posterserie. Darüber hinaus betätigen wir uns als Eventorganisatoren und arbeiten dabei immer öfter mit den Leuten vom Waldfrieden zusammen.
Franzi: Was für Zukunftsvisionen hast du für dich und für die Firma?
Matthias: Über meine Zukunftsvisionen will ich irgendwann mal ein Buch schreiben... Dazu fällt mir soviel ein, dass kann ich nicht in fünf Sätzen ausdrücken. Ich glaube, daß die Wichtigkeit von visuellem Content enorm zunehmen wird. Bevor Bildschirme ein Teil unserer Realität wurden, war das Angebot an optischem Content ja sehr überschaubar. Aber jetzt gibt es viele Bildschirme, die gefüttert werden wollen und darüberhinaus die Tendenz, daß immer weniger Bildschirme „paralell“ dasselbe zeigen, wie z.B. beim heutigen Fernsehen. Diese großen Contentkanäle, die nur als Einbahnstrasse funktionieren und die inzwischen von mehr oder weniger marktwirtschaftlichen Interessen dominiert werden, gehören wohl glücklicherweise bald der Vergangenheit an. Das Angebot an Inhalten wird stetig wachsen. Die technischen Ressourcen, die nötig sind, um z.B. Video oder Fotos zu erzeugen, zu bearbeiten und zu verbreiten, waren bislang nur wenigen Personen zugänglich. Heute verfügen wesentlich mehr Menschen über diese Ressourcen und die können alle ihre Videos und Fotos erzeugen, bearbeiten und, wenn sie wollen, auch als Zimmertapete ausdrucken (bzw. dranbeamen). Es wird also eine Inflation der optischen Inhalte geben und an dieser Stelle wird das Medienlabor tnl interessant. Wir haben den lightmotiv-projektor, den wir in einer „für zu hause“ - Version auf den Markt bringen wollen und der völlig unabhängig vom Fernseher visuelle Eindrücke erzeugt. Und wir haben bewußtseinserweiternden Content den wir in unserem Medienlabor gemeinsam mit den Visual-Artists entwickeln. Naja, und da habe ich schon sehr schöne Zukunftsvisionen, von kollektiven Visual-Events, von Installationen für‘s Wohnzimmer oder von Locations in Großstädten, die sowas wie einen chill-out vom Stadtleben darstellen. Eine meiner angenehmsten Vorstellungen ist eigentlich die, daß es irgendwann Leute geben wird, die völlig erfüllt Zuhause an ihrem lightmotiv- Projektor sitzen und denen es genau so viel Freude bereitet wie mir.